Das Faltrad

Fahrräder für lange und kurze Touren gibt es viele. Jede Firma preist ihr Rad als das tourentauglichste, stabilste, beste, billigste und schönste. Das Brompton aus der Kategorie Faltrad ist kein Muster-Reiserad. Es wirbt für sich mit dem Slogan „Made for Cities“, was den Gebrauch dieses kleinen Faltrades eigentlich festlegt. Es ist praktisch, weil sich öffentliche Verkehrsmittel und Kurzstrecken mit dem Fahrrad perfekt verbinden lassen. Besonders schön: Busse und Bahnen verlangen in gefaltetem Zustand keine Extragebühr für das Fahrrad.

Ich habe mein Brompton Faltrad schon 2015 auf mehrtägigen Reisen in Südeuropa und täglich auf Berliner Straßen ausgiebig getestet. Es hat Schotterpisten gemeistert, und zeigte sich mit Ausnahme von Schneematsch im Berliner Winter wind- und wetterfest. Der Slogan „Made for Cities“ bedeutet allerdings, dass eine Reisevariante des Rades nicht zu kaufen ist. Es ist also ein wenig Kreativität gefragt bei dem Gepäcktransport, besonders für eine längere Reise. Aber ich war nicht der erste, der dieses Rad für mehrtägige Fahrten nutzen wollte, und so gibt es bereits Anleitungen im Internet, die man den eigenen Wünschen anpassen kann.

An ein Brompton muss man sich gewöhnen, aber das verlangt jedes andere  gute Fahrrad auch. Das Auf- und Abbauen ist schnell gelernt und bereitet auch rasch Freude, weil staunende Zuschauer zu persönlichen Bestzeiten anspornen („unter 10 Sekunden? Kein Problem!“). Die geringe Lenkerbreite des Rades ist ein kleines Manko. Ich habe mich für eine M-Variante von Brompton entschieden, nach einer ersten längeren Reise habe ich die Griffe durch ergonomische Griffe mit „Bar End“ angebaut, das erlaubt zwei verschiedene Griffvarianten, und beugt „Radfahrerlähmungen“ vor.

Auch wenn die Brompton-Enthusiasten es nicht so gerne hören, man muss etwas Abstriche machen in der Geschwindigkeit: Einerseits ist durch die limitierte Anzahl an Gängen (maximal 6 Gänge) nicht immer der ideale Gang für die jeweilige Geschwindigkeit zu finden. Außerdem ist die geringe Reifengröße eine natürliche und physikalische Beschränkung, und verglichen mit einem 28 Zoll Tourenrad sind bei gleicher Geschwindigkeit fast doppelt so viele Umdrehungen mit dem Brompton notwendig. Bei langen Anstiegen fehlen sehr kleine Gänge, und der Brompton-Fahrer steigt häufiger als der normale Tourenradler vom Rad. Brompton-Tourenradler berichten, das sie ungefähr 10 bis 25 % weniger Strecke am Tag schaffen im Vergleich zu einem normalen Tourenrad. Ich glaube, dass es eher 10 als 25 % sind, ein wenig gemütlicher ist der Brompton-Fahrer eben unterwegs.

Dem Gegenüber steht die Flexibilität, bei längeren Reisen auch mal einen Bus oder eine Bahn zu nehmen, oder sogar ein Flugzeug, ohne sich um das Sperrgepäck kümmern zu müssen. Selbst Hitchhiken ist möglich. Nicht zu verachten der Publikumsfaktor: oft stand ich schon in einer lachenden Menschenmenge in einem fremden Ort: „Wieso/Weshalb/Warum mit so einem kleinen Fahrrad“ „Kein Geld für ein richtiges Fahrrad?“, „Wächst das noch?“. Nicht zu selten entsteht daraus ein interessantes Gespräch über Fahrrad und Reiseintentionen hinaus und manchmal folgt daraus eine Einladung zu Tee und Speisen in der Fremde.