Hello my friend – Welcome to Iran

Iran kam dann rasch immer näher. Nach Regenpause in Goris habe ich dann die Tatev-Seilbahn genommen und ein paar hundert Höhenmeter gespart  – „gecheatet“, oder eben mit den Kräften gehaushaltet vor dem letzten armenischen Berg eben.

Kapan
Höhenprofil – Meghri-Pass

Nach Goris war das Wetter noch einmal schön. Die Seilbahn führte direkt zum Tatev-Kloster,das in den letzten Jahren renoviert worden ist. Seit dem Bau der Seilbahn eine wichtige Anlaufstelle für Touristenbusse. Danach noch einmal radeln durch wunderbares armenisches Hochland.

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Seilbahn zum Tatev-Kloster

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Kapan ist die letzte größere Stadt vor der Grenze zum Iran. Leider gab es noch mal ergiebige Regengüsse, dass ich in Kapan noch einen zweiten Tag im Hotel verbrachte und wartete. Den Anstieg zum Meghri-Pass wollte ich schließlich an einem Tag machen, einmal sportlich sein, und den 1.HC Berg in einem fahren. Die 37 Kilometer bergauf habe ich mit einem Durchschnitt von 8,34km/h gemacht. Maximale Steigung vor dem Pass 12%. Die Abfahrt ging natürlich etwas schneller.

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Danach alles eigentlich wie erwartet und wie bereits von vielen Iranbesuchern beschrieben: 1. plötzlicher „Klimawandel“ von feuchtem Klima in Armenien zu einer trockenen semiariden Steppenlandschaft. Und das innerhalb weniger Kilometer – ok, habe es nun auch gesehen und bestaunt. Rasch lerne ich, mich mit ausreichend Wasser einzudecken, noch nicht gewöhnt hat sich allerdings bisher mein Körper an den extremen Wasserverbrauch.
2. überall so freundliche und hilfsbereite Menschen und gar nicht zu aufdringlich, „Welcome to Iran“, „I am happy to welcome you in my country“, „Hello my friend, thank you for visiting Iran“.

Trotzdem fremdelte ich noch ein wenig in der neuen Umgebung des „Gottesstaates“, und habe mir für die ersten zwei Tage Campingplätze abseits der Zivilisation gesucht und meine eigenen Suppen gekocht. Auf den Straßen natürlich freudliches Zuwinken jedes hupenden Autos, jeder picknickenden Familie am Straßenrand und bereitwilliges Fotomodellstehen für die ganze Familie an den Rastplätzen. Familiäres Setting war sowieso das, was mir besonders auffiel, immer sah man die ganze Familie im Auto fahren, Picknicken oder Einkaufen. Und Gespräche/Smalltalk führte ich mit iranischen Männern und Frauen, die gleichermaßen gut oder weniger gut Englisch sprachen.

Iran (1) Iran (2)

Durch die nordiranische Wüste
Durch die nordiranische Wüste
CAmping in Iran
Camping in Iran
BLick auf Aserbaidschan
Blick auf Aserbaidschan
Kebabstand
Kebabstand

Iran
Der erste Kontakt mit einem Iraner hatte ich dann auf dem Weg nach Tabriz: Ein Auto hielt und Ata, ein Student aus Tabriz fragte mich, ob er mich in die Stadt mitnehmen könne. „Klar, gerne es ist eklig heiß auf der Straße, der Verkehr ist grauenhaft und beides wird sicher schlimmer, je näher ich der Stadt komme“. Er brachte mich zu einem günstigen Hotel im Zentrum, half mir, eine Sim-Karte für das Handy zu besorgen und wollte mir dann gleich noch am Abend mit einem Freund zusammen die Stadt zeigen. Wir liefen über den Basar, die alte blaue Moschee. Ich wäre verloren in diesem Labyrinth aus Straßen. Der Basar ist über 1000 Jahre alt, und war wichtiger Knotenpunkt der alten Seidenstraße. Insgesamt gibt es 24 Karawansereien auf 7 Quadratkilometern, schon nach einigen Metern ist man in diesem Labyrinth verloren. Kann man gar nicht alles besuchen, aber es reicht auf ein paar Gänge abzulaufen, der Duft der Gewürze und Lebensmittel, exotisches und bekanntes wird angeboten. Fladenbrote mit Safran und Safraneis – lecker.

Tabriz (1) Tabriz (2) Tabriz (3) Tabriz (4) Tabriz (5) Tabriz-Basar (1) Tabriz-Basar (2) Tabriz-Basar (3) Tabriz-Basar (4) Tabriz-Basar (5) Tabriz-Basar (6) Tabriz-Basar (7) Tabriz-Basar Tabriz

Yerevan – Goris

2 Tage habe ich in Yerevan ausgeruht, Wäsche gewaschen und das Fahrrad gereinigt und ein wenig die Stadt angeschaut. Leider war das Wetter nicht optimal zum „Ararat Watching“, auch bei der Weiterfahrt durch das Aras-Tal konnte man den riesigen Berg nur im Dunst erahnen.


Khor Virap ist ein Kloster und besonders für die Nähe zum Ararat bekannt. Hier soll 301 das Christentum als Staatsreligion Armenien beschlossen worden sein und somit gilt es als wichtiges nationales Symbol von Armenien. Am Sonntag konnte ich hier eine orthodoxe Zeremonie besichtigen. Interessant mit Bühne und „Vorhang auf“. Und zumindest von den Mauern des Klosters herunter doch noch ein versöhnlicher Blick auf den Ararat.

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Kurz danach kam dann der erste Pass, ein Anstieg von 800m auf 2030m. Wunderbare Landschaften, Canyons und schneebedeckte Berge. In Areni habe man zuerst Wein angebaut, und alle Weinreben entstammen dieser Region. Der Wein ist so billig, dass den zu trinken gar keine Sünde sein kann. Dazu kaufe ich Brot, Frischkäse und Honig an den Straßenständen. Es ist wunderbar warm und das Radfahren macht trotz der ständigen Anstiege Spaß. Abends finde ich immer einen Platz für mein Zelt.

Am 3. Tag kommt es dann mal wieder zu einem Travellertreffen auf der Straße, ein „Heimkehrer“ aus Portugal erzählt mir, dass eine weitere Gruppe von 4 Radfahrern auf dem Weg nach Iran nur 2 Stunden voraus ist, zwei Deutsche mit eiem Oldtimer unterwegs, sind auf einer Eurasientour und wissen eigentlich noch nicht, wohin. Ist also weiter viel touristischer Betrieb auf den Straßen des Kaukasus.

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Am Nachmittag zieht dann nachträglich betrachtet nicht überraschend ein Gewitter auf, und zwar in Sekundenschnelle. Mit dem ersten Wasserschwall schaffe ich noch die Zeltplane über meinen Kopf zu ziehen, und kann mich vor dem kurz danach einsetzenden Hagel ganz gut schützen, mein Gepäck ist allerdings schon nach Sekunden durchnässt. Das bereits klitschnasse Zelt kann ich in einer kurzen Regenpause aufbauen.

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Es bleibt mir nichts übrig, als zu warten, klitschnasse Klamotten durch feuchte auszutauschen, und allmählich zu realisieren, dass ich auf einer Hauptroute der Schaf- und Rinderhirten campiere, 2mal stehe ich inmitten einer Herde von Tieren, auf dem Weg zur Nachtruhe in den Ställen im Tal.

Nicht weit entfernt auf der anderen Seite der Straße patroullieren Panzer, den Abend und in der Nacht Artelleriefeuer in der Ferne – ob das Manöver sind, oder Bergkarabachkonflikt, weiß ich nicht. Am nächsten Morgen wache ich in einer Wolke oder Nebel auf, das Zelt ist weiter nass, zuerst gebe ich dem Wetter etwas Zeit, nach zwei Stunden, und einer Rinder- und einer Schafherde später beschließe ich dann doch aufzubrechen, Ziel Guesthouse oder Hotel in Goris – 25km entfernt. Mittlerweile regnet es auch wieder, und ich habe vor der langen Abfahrt nach Goris auf 1350m noch einen Pass auf 2150m Höhe zu erklimmen. Ich habe bei Ankunft in Goris Waschfrauenhände und jeder Schritt in den Schuhen fühlt sich an, wie durch einen Sumpf zu waten. Doch ich finde das netteste Bed&Breakfast von ganz Armenien. Die Dusche ist heiß, die Besitzerin wäscht meine Kleider, das Brompton bekommt eine trockene Garage und ich kann mein Zelt trocknen. So kann ich gemütlich im Trockenen dem Regen zuschauen und überlegen, wie/wann ich weiterfahre. Noch ca 150km und 2 Pässe bis zur Iranischen Grenze und vielleicht ist das der letzte Internetspot im Kaukasus.

Weiter durch die Kaukasusländer

Barjumi in Georgien ist ein Kurort mit langer Tradition. Die Stadt wirkt aktuell allerdings sehr verschlafen. Die zerfallenden Bauten zeugen von der ehemaligen Pracht, als die Stadt Tolstoi, Tschaikowski und andere beherbergte. Wir finden bei strömendem Regen in Barjumi unser Etappenziel für den Tag und eine trockene Unterkunft. Abends gibt es leckerste georgische Küche und Wein.


Am nächsten Tag fahre ich früh alleine weiter Richtung Tiblis, das Wetter ist gut, und es geht überwiegend flussabwärts durch georgische Dörfer. Die antiken Ruinen von Uplistsikhe sind Überbleibsel der ältesten georgischen Stadt, und waren bis ins Mittelalter Treff- und Handelpunkt entlang der alten Seidenstraße. In Tiflis dann 2 Tage Hostelleben mit russischen Travellern und noch mehr Wein.


Leider ging die Zeit in Georgien viel zu schnell vorüber, und die 8 Tage waren dem Land nicht angemessen, das habe ich an der Grenze zu Armenien gemerkt. Tschuldigung Georgien, ich komme sicher noch einmal wieder mit Zeit im Gepäck und so weiter.
Armenien ist sehr spannend, Grenzverkehr besteht zum Beispiel aufgrund der chronischen politischen Spannungen mit Azerbaidschan und Türkei nur mit dem Iran und mit Georgien. Trotzdem treffe ich Fremden gegenüber sehr offene, freundliche und hilfsbereite Menschen. Eines Abends finde ich keine Übernachtung, mir ist kalt und ich habe Hunger und mir wird ein Platz am Feuer angeboten, ein Wodka zum Aufwärmen, ein Abendessen und ein Zimmer für mich bereitgestellt. Für das Abendessen kann ich dann doch etwas zahlen, für alles weitere bin ich eingeladen. Wow!
Schon kurz nach der Grenze zu Georgien finden sich kilometerlange Industriefriedhöfe, alte Fabrikhallen und schwere Geräte in oft atemberaubender Landschaft.

90% Armeniens liegen 1000 Meter und mehr über dem Meeresspiegel. Das erklärt, dass es nach der Grenze (nur 500m über dem Meeresspiegel) rasch bergauf ging. Jan Ullrich nannte die steilen langen Anstiege in einem Interview einmal „Tierquälerei“. Naja, bei mir geht es nicht auf Zeit, keiner schaut mir zu, aber ich leide auch ein wenig. Von 500 auf 1868m ging es am ersten Tag (hab mich nur einmal kurz bei einem russischen LAster eingehakt), und am zweiten Tag von 1200m auf 2150m. Dabei wärend des ganzen Anstiegs keine ebene Strecke, kein Ausruhen, sondern nur strampeln. Am Ende wurde ich belohnt mit einem wunderbaren Blick auf den Sewan-See und – als ich dem See näher kam – mit den Angeboten der lokalen Fischverkäufer: geräuchert, gesalzen und luftgetrocknet. Selbstverständlich habe ich alle Verianten ausprobiert bei armenischem Bier am Sewan-See.


Man unterscheidet generell die positiv und die negativ denkenden Radfahrer an der Bewertung der Aufstiege und der Abstiege: Der positiv Denkende sagt: „Das Gute am Aufstieg ist, dass dann meist eine Abfahrt folgt“, der Negative beklagt sich dagegen schon über die Abfahrt, weil er „weiss, was danach kommt“. Ich meckere eigentlich schon mal ganz gerne, aber vom Sewan-See auf dem Weg nach Jerewan bin ich angesichts der langen Abfahrt nur positiv gestimmt (1000 Höhenmeter-Abfahrt über die letzten 25 Kilometer). Die Abfahrt ist so lang, da kann man gar nicht an den nächsten Anstieg denken. Und außerdem erst mal ein paar Tage Pause in Jerewan.