Ukraine – Moldawien – Rumänien

Mit dem Zug bin ich ich über Prag nach Lviv gefahren. Die historische Stadt in Westen der Ukraine sollte der Start eine 10-tägigen Radtour durch die südwestlichen Gebiete der ehemaligen Sowjetunion sein. Das Abteil ab Prag teile ich mir mit einem ukrainischen Anwalt, der auf dem Weg nach Hause in Kiew ist. Rasch werde ich an russische Zugfahrten erinnert, als wir uns mühsam nach einer gemeinsamen Sprache suchend in ein Gespräch verwickeln, während er den Tisch mit Käse, Würst und Schnaps deckt und fortan alle Mahlzeiten mit mir teilt. So vergeht die Fahrt schnell und der stete Regen außerhalb wird mir kaum gewahr.

In der Nacht werde ich bei strömendem Regen am Lviver Bahnhof am Stadtrand empfangen. Meine Unterkunft liegt im Zentrum, dass mein Fahrrad und ich gleich am esten Tag so nass werden, wie auf der ganzen weiteren Reise nicht mehr.
Lviv, in deutsch Lemberg, liegt fast in der geographischen Mitte Europas. Die Stadt wurde im 13. Jahrhundert gegründet, in der historischen Altstadt reihen sich Häuser aus verschiedenen Epochen, vieles sehr gut erhalten und mittlerweile aufwändig saniert. Kaffeehäuser aus der Habsburger Zeit und Kaffeeröstereien lassen sich ebenso finden wie sowjetische Überbleibsel, langsam allerdings verdrängt von dem Kommerz der heutigen Zeit.
Auffällig in der Stadt ist, dass obwohl malerisch und belebt, die Touristen der Stadt aus der Ukraine kommen. Westeuropäische Besucher sind sehr selten, angeblich weil Ryanair und Easyjet noch nicht den Weg zum Flughafen gefunden haben. Ich schlendere einen Tag durch die Stadt, höre den Straßenmusikern zu und geniesse die ukrainischen Biere in den Biergärten, wo die Sonnenstrahlen noch wärmen, und dem nahen Herbst trotzen.

Früh breche dann in Lviv ich auf, aus der Stadt geht es schnell, und ich spule meine Kilometer ab, zuerst auf einer Hauptstraße, nach ca 50 Kilometern auf Nebenstraßen. Die Landschaft, historisch Ostgalizien ist sehr ländlich und insgesamt nur gering besiedelt. Der Asphalt verschwindet bald, und ich finde mich rasch auf Dörfern wieder, die noch ursprünglich wirken. Jedes Dorf hat mehrere noch funktionsfähige Brunnen und ich sehe oft Menschen, die dort Eimer mit Wasser aus den Brunnen hoch kurbeln. Gänse, Enten und Hühner fliehen aufgeregt und laut, wenn ich mich nähere. Die Besitzer der kleinen Farmhäuser scheinen Wettbewerbe um den größten Kürbis abzuhalten. Später radele ich durch Apfelplantagen, und durch Wälder. Gelegentlich treffe ich Pilzsammler; an den Straßenrändern kaufe ich Fruchtweine, und ernte Walnüsse, wie noch häufig auf dieser Reise. Das Wetter erlaubt mir, mein Zeit auf den Feldern aufzuschlagen. Die Nächte werden dann doch so kalt, das ich am Morgen immer in der Sonne warten muss, bis der Frost auf dem Zelt getaut ist. Zeit genug also, Kaffee zu trinken, und so die Kälte der Nacht auch aus den Knochen zu vertreiben.

An der nordwestlichen Grenze von Bessarabien überquere ich die Dnister, die von den Karpaten zum schwarzen Meer sich schlängelt. Am Ufer mächtig eine große Burg – die Burg Khotyn. In der Morgensonne thront sie majestätisch auf den Klippen. Ich betrachte sie ehrfürchtig und schaffe es ein paar Minuten vor ihren Mauern zu rasten.

Moldawien ist dann das eigentliche Ziel meiner Reise, der Name gefiel mir so außergewöhnlich gut, insbesondere der offizielle Name: „Republik Moldau“, benannt nach dem Fluss Moldau, der ander grenze zwischen Rumänien und Moldawien fließt – nicht zu verwechseln mit der Moldau in der tschechischen Republik. Ich habe gelesen, dass dieses Land zu den Top 3 der am wenigsten touristisch erschlossenen Gebiete zählt – gemessen an den Touristen pro Einwohner. Bei nur 2,9 Millionen Einwohnern sind es wirklich wenig Menschen, die sich hierhin verirren. Die Republik Moldau ist dann landschaftlich tatsächlich auch sehr unaufgeregt. Während der Westen das Kulturland mit Apfelplantagen prägt, sind die sanften Hügel zum Donaudelta hin Weinanbaugebiete. Der Export richtet sich vor allem an durstige Russen, nur sehr billiger und qualitativ schlechter Wein findet aktuell den Weg in die deutschen Supermarktregale. An den Straßenrändern wird gelegentlich frischer Wein zu unerhört niedrigen Preisen und in Plastikflaschen angeboten. Der ist lecker, und ich finde mich auch abeits von kommerziell verführerischer Vielfalt schnell in (Kauf)rausch versetzt – eine willkommene Ablenkung vom doch etwas anstrengenden Auf und Ab über die Hügel. Geschickte Honigverkäuferinnen belasten meine Radtaschen spürbar.
Sehenswürdigkeiten oder spezielle touristische Attraktionen soll es in der Republik Moldau nicht oder kaum geben. Die Attraktion ist dennoch die Reise an sich, die Einsamkeit, die kleinen Dörfer fern von der hitzigen Geschäftigkeit; die Relikte des vergangenen Sowjetregimes, die zu Teilen noch liebevoll gepflegt werden, an anderen Stellen aber gegen die Naturgewalten der Verwitterung und des Verfalls eher hilflos ausgeliefert sind.


Ich mag das Lächeln in den Augen und den Gesichtern der alten Frauen in den Dörfern, wenn ich versuche mit ein paar Brocken Russisch zu erklären, was ich suche, was ich brauche, warum und und wohin ich will. Mit Pferdekarren, beladen mit Kürbissen und Melonen von den Feldern liefere ich mir Wettrennen auf den holprigen Straßen.
Nach einem Ruhetag in Chisinau, der Hauptstadt der Republik Moldau, fahre ich durch eine der autonomen Regionen des Landes: von der Existenz Gagausiens habe ich erst während meiner Tour erfahren, anders als in Transnistrien im Norden gibt es keine Kämpfe, sondern ein friedliches Miteinander der russisch, türkisch und rumänisch sprechenden Bewohner.


Kurz hinter der Grenze in Rumänien bricht eine Pedale, das hat sich schon angekündigt. Schade, aber nur 3 Kilometer von einem Bahnhof entfernt, habe ich dann doch noch mal Glück gehabt, so verdiene ich mir einen ganzen Tag in Bukarest, treffe im Bicycle Hostel interessante Menschen, mit denen ich Wein und Geschichten teilen kann und bin froh, denn das gute Wetter hat sich dem Sonnenschein der letzten Woche abgewandt, während ich im Trockenen sitze.


Der Zug zurück nach Hause ist ganz leer, ich teile das Abteil nur mit meinem Gepäck, muss einmal umsteigen in Budapest, und dann bin ich schon wieder zu Hause. Im Gepäck sowjetische Süßigkeiten, ukrainischen und moldawischen Wein und Honig, Lemberger Kaffee, 2 Speicherkarten mit Fotos und sicher bleibende Erinnerungen an eine Reise in herbstlichen Farben und auf einsamen Nebenstraßen.

Norddeutschland – noch mal eine Runde drehen

Von Klaipeda fahre ich mit der Fähre nach Kiel. Die 18 Stunden Fahrt sind so etwas wie eine verlängerte Nachtruhe bei einem sanftem Schaukeln. Unterbrochen wird diese nur durch das Buffet abends und morgens („All-you-can-eat“ macht heftige Bauchschmerzen, besonders wenn man „auf seine Kosten“ kommen möchte – dass ich immer noch so blöd bin).

Nach 2 tollen Tagen in Kiel mit den Geschwistern, Dönern und Bier an der Förde und im Biergarten fahre ich südwärts durch Schleswig Holstein und Niedersachsen in Richtung Osnabrück. In Norddeutschland grüßt man zu jeder Tageszeit mit „Moin“, und zwar grüßt jeder jeden. Das macht Spaß, und ich bin schnell mit Elan dabei, alle zu „Moinsen“, die mir entgegenkommen. Mir gefällt auch, dass mir die Holsteiner und Niedersachsen ständig zur Hilfe kommen, und den Weg erklären, selbst wenn ich nicht frage.

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Man ist überall Willkommen

Bekanntes wird hier in die Erinnerung gerufen, und Unbekanntes wirkt trotzdem so vertraut. Mein erstes Mal in Delmenhorst zum Beispiel – so habe ich es mir vorgestellt und so wie alles im Norden gefällt es mir wie immer und immer wieder aufs Neue.

Die Felder sind fast alle abgeerntet, so spät ist es schon im Jahr, trotzdem ist das Wetter wie für Radfahrer gemacht – nur die Nächte könnten ein kleines bisschen kälter sein. Aber da jammere ich auf höchster Stufe, immerhin regnet es nicht und die stetige steife Brise kühlt meinen Rücken. Die Straßen lassen zudem keine Ausreden zu, ich fahre jeden Tag weit über 100 Kilometer in Richtung der wärmenden Sonne.

Fährfahrten erlebe ich weiter als genussvolle Abwechslung und finde eine Elbfähre und eine Weserfähre als Alternative zu Brücken oder gar Tunneln. Die Elbfähre dauert fast eine Viertelstunde. An Bord wird Bockwurst mit Senf verkauft und ich sehe große Containerschiffe auf dem Weg in die weite Welt.


Nach zwei schönen Tagen mit meinem Vater bei Osnabrück fahre ich nach Osten weiter. Hinter Minden entdecke ich den Mittellandkanal als perfekte Fahrradroute von West nach Ost. Ruckelig sind die Schotterpisten auf beiden Seiten des Kanals zwar, aber entlang der Wasserstraße ist es gemütlicher und ich muss den Schiffen nicht ausweichen. Fröhlich spiele ich mit den Kähnen: die in meiner Richtung fahren oft in ihre Heimat nach Polen, Tschechien, Berlin und Hamburg und ich überhole sie immer und immer wieder; den Entgegenkommenden wünsche ich eine Gute Reise auf ihrem Weg nach Dortmund, Duisburg oder Amsterdam. Jedes Schiff hat einen Namen, meist sind es Frauennamen, doch eines heißt Hank und ich hätte so gern gewusst, wer sein Boot Hank getauft hat. Auf dem Mittellandkanal überqueren wir Weser, Leine und sogar die Elbe. An der Weserüberquerung war ich schon in einstelligem Alter auf einem Schulausflug. An der Elbe sind die Schleusen und Aufzüge für die Schiffe aber so groß dass ich in kindliches Staunen verfalle und das fotographieren vergesse.


Das „Wildcampen“ in Deutschland ist nicht mehr so entspannt wie in den anderen Ländern – dachte ich zuerst. Das tägliche Zeltaufbauen ist mir allerdings so vertraut, und das recht frühe Dunkelwerden gewährt zusätzlichen Sichtschutz vor Störern, dass die Nächte mir jeweils erholsamen Tiefschlaf gewährt haben. Und tatsächlich gibt es wunderschöne Plätze, die mich für jeweils eine Nacht und ein Frühstück beherbergt haben.


Der Elbe-Havel-Kanal als Fortsetzung des Mittellandkanals ist leider nicht mehr so radfahrerfreundlich, dass ich bald doch von der Wasserstraße abweiche. Für die letzte Nacht im Zelt auf dieser Reise finde ich einen der schönsten Plätze im Jerichower Land abseits der Straße auf einer großen Lichtung – der perfekte Platz zur Wildbeobachtung, wie ich meine. Leider lässt sich an diesem Abend und auch am nächsten Morgen keiner der vielen hier lebenden Wölfe blicken, aber Sonnenuntergang und Sonnenaufgang scheinen Portrait zu stehen für größere Gemälde. Am letzten Tag durch das Havelland, vorbei an den Seen bei der Stadt Brandenburg, Döbritzer Heide und Berlin Spandau. Und mit dem Rad bis vor die Haustür.